Ein ganz normaler Tag auf dem Campingplatz. Frisch geduscht bereite mich darauf vor, für die Mitglieder Baguette, Ficelle und Croissant zu kaufen. Wir vom Sportflieger-Club Stuttgart e.V. sind zur Zeit im Fluglager in St. Crépin. Da sehe ich Franz mit dem Fahrrad durchs Emplacement kurven. Aber eine Stunde zu früh. Er kommt sonst erst um 9 Uhr. Ob ich mit käme – zum Welle fliegen. Und die Flügel montieren. Ja klar. Also montieren wir zuerst die Flügel, ich kaufe die Backwaren und Franz macht den Arcus M startfertig.

Hier jetzt der Bericht von Franz, mit ein paar Ergänzungen von mir.

Der Flug war nicht geplant und entwickelte sich ganz spontan. Nach St. Crépin kommen wir nun schon seit fast 20 Jahren, in denen ich einiges an Alpenflugerfahrung ansammeln konnte.
Hier im Fluglager lass ich morgens gegen 8 Uhr immer meinen Modellhubschrauber fliegen, weil da kein Betrieb am Platz ist und es absolut windstill ist. Dies wollte ich auch am Morgen des 8. August tun. Dann stellte ich aber zu meiner Überraschung fest, dass ein ziemlich starker Wind aus Süd blies. Das ärgerte mich und ich brach mein Vorhaben mit dem Hubschrauber zu fliegen wieder ab. Dann sah ich aber am Col de Vars schöne Lentis stehen und direkt vor dem Haushang in niedriger Höhe eine fette Rotorwalze. Zunächst zögerte ich ein wenig aber dann beschloss ich einen Frühstart zu probieren auf die Gefahr hin, mich zu blamieren. Der erste der mir am Zeltplatz über den Weg lief war Wolfgang. Auch wenn wir dies zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht planten, so bereiteten wir uns ganz normal vor – also für einen längeren Flug – und packten alles nötige dafür zusammen – also auch Baguette.
Es dauerte dann aber doch bis 09:45 Uhr bis wir uns mit unserem neuen Arcus M in die Luft erhoben – mit dem Einstarter herrlich unabhängig – aber wir wären auch geschleppt worden.

Vor dem Start. Von links: woki und Franz
Vor dem Start – der Parchaval mit auffälligen Wolken.
Wir sind in der Luft.

Schon in 500 Metern über Grund konnten wir den Motor ausschalten und an der Rotorwalze vor dem Parchaval hochsteigen. Dann flogen wir zum Col de Vars und stiegen sofort über den Hangwind in die Welle ein. Zu diesem Zeitpunkt wurde mir klar, dass es ein etwas längerer Wellenflug werden könnte. Weil wir aber nur eine 2 Liter Sauerstoffflasche dabei hatten brachen wir den Steigflug bei knapp über 4000 Meter ab, um Sauerstoff zu sparen. Wir flogen dann mit wenig Höhenverlust zurück zum Flugplatz und weiter zum Glacier Blanc, wo wir die nächste Welle fanden. Erst jetzt beschlossen wir die klassische Susatal-Wellenroute nach Aosta zu probieren. Also legten wir Sauerstoff an und stiegen auf 5000 Meter. Wir waren uns nicht ganz sicher, ob es funktionieren würde, denn der Wind kam eher aus Südwest als West – und den hätten wir gebraucht. Mit viel Rückenwind und Grundgeschwindigkeiten bis zu 400 km/h schossen wir zum Susatal und konnten zu unser großen Freude eine starke Welle südlich des Lac du Mt. Cénis ausfindig machen. Die Wolkenbilder auf diesem Flugabschnitt waren herrlich: am Lac stand eine hakenförmige Wolke.

Noch nicht auf 6000 Metern.
Lac du Mont Cenis
Gran Paradiso

Nun fanden wir an den üblichen Stellen immer wieder kräftige Wellen mit Steigwerten bis 4 Meter/s (Windgeschwindigkeiten bis zu 140 km/h aus 260 Grad). Auch die Aosta-Welle enttäuschte nicht und stand markanter Weise direkt über der Landebahn von Aosta. Von dort ging’s zum Matterhorn, das allerdings in der Staubewölkung nur teilweise zu sehen war. Hier beschlossen wir umzudrehen, denn wir mussten ja nun gegen den kräftigen Gegenwind fliegen. Zu unserem Glück war dies aber einfacher als gedacht, denn die Wellen standen exakt an den gleichen Punkten wie auf dem Hinweg und wenn man mit 200km/h (schwerem Arcus sei Dank geht das sehr gut) vorflog bekam man leicht Grundgeschwindigkeiten von über 100km/h. Somit waren wir gegen 13 Uhr wieder am Glacier Blanc und beschlossen dann mit nunmehr einsetzender Thermik weiter zu fliegen.

Mont Blank
Aostatal
Monte Rosa
Blick nach Italien
Barre des Ecrins

Jetzt tiefer zu fliegen war ganz gut, ich hatte ziemlich kalte Füße und der Sauerstoff neigte sich dem Ende zu. Vom Glacier Blanc aus flogen wir ein kurzes Stück nach Süden und bogen dann nach Westen ab zum Pic de Bure. Wir konnten ewig lang geradeaus fliegen, da die Basis nach Westen mit uns absank bis auf 2300 Meter. Je tiefer wir kamen, um so schwächer wurde auch der Wind, so dass die Bärte auch nicht zerrissen waren. Erst als wir am Pic de Bure vorbei waren, kam uns der Gedanke, zu versuchen das Rhonetal nach Westen ins Zentralmassiv zu überqueren. Dies ist nach Aussage unserer französischen Freunde sehr selten möglich und als wir sahen, dass es reichlich Cumuli mit Wolkenstrassen auch über dem Rhonetal gab, stand der Entschluss fest. Dies funktionierte wunderbar und Wolfgang unterstütze mich sehr gut beim Navigieren um die Beschränkungsgebiete. Wir überquerten die Rhone etwas nördlich von Montelimar und flogen ein ganzes Stück ins Zentralmassiv weiter. Wir drehten etwa 15km westlich der Ortschaft Privas wieder um und genossen den Rückenwind, der uns bis zur nächsten perfekten Wolkenstrasse am Mt. Ventoux schob. Zum Glück verlief sie mit Abstand an den Beschränkungsgebieten des Zentralmassivs vorbei.

Vor dem R 71 meldete sich Franz auf mein Anraten bei Salon approach. Die Fluglotsin antwortete: “D-KIMY squak 3456“. Franz: “ Sorry we have no transponder.” “D-KIMY squak 3456“. Franz: “Sorry again, we have no …“ Dann kam „Uahhh, active is 71 A, B and C.“ Das war ihr dann doch zu viel – ein Flugzeug ohne Transponder! Die Beschränkung FL075 mit den Kunstflugachsen rund um den Militärflugplatz Salon störte uns aber wenig, so hoch ging’s gar nicht mehr und wir hätten eher eine Freigabe zur Unterschreitung der Mindestflughöhe gebraucht. Vom Mt. Ventoux aus flogen wir direkt nach Vinon, unser nunmehr geplanten südlichen Wende. Hier begegnete uns das Gros der wenigen Segelflugzeuge auf der ganzen Route.

Leider wurden die Bärte nun immer schwächer und auch der wieder stärkere Wind zerriss die Bärte mächtig. Von Vinon aus flogen wir eine längere Strecke im Blauen Richtung Puimoisson und fanden lange kein Steigen mehr. Hier kam uns auch kurz der Gedanke ob es vielleicht doch knapp werden würde den Parcours bei Puimoisson in ausreichender Höhe zu erreichen. Dann sah Wolfgang einen Greifvogel etwas rechts von unserem Kurs. Dort konnten wir (Yes!) 3,5 Meter zentrieren, unsere Eintrittskarte zum Parcours! Vogel sei Dank!

zwischen Pic de Bure und Glandasse
Glandasse – wunderschön und so markant !
Rhone nach Norden
Rhone nach Süden
Massiv Central

Am Cheval Blanc kürzte mein Pilot Franz ab, folgte nicht den Gräten sondern flog direkt Richtung Trois Evechées. So der Plan, aber dann ging’s doch rasant nach unten und der Grat der Trois Evechées war plötzlich sehr weit oben. Franz fing an zu schimpfen: „Das Schlimmste ist passiert! Umkehren!“ – Die Winde waren aber sehr gnädig, wir sind gerade mal 500m zurückgeflogen und in einen 5,6m Bart gefallen.

westlich Valencia
Mont Ventoux
Bardoneccia

Hier kurbelten wir noch mal, was auch gut war, denn der Wind hatte mittlerweile auf Nordwest gedreht und der nördliche Parcours funktionierte entsprechend schlecht. Wir flogen dann in altbewährter Weise über den Lac de Serre Poncon und talmittig zurück zum Prachaval, dem Haushang an unserem Flugplatz St. Crépin. Da es erst 18:10 Uhr war und wir schon 830 km geflogen waren kam uns der Gedanke die 1000 km zu versuchen. Wir wollten noch einmal in die Welle bei Bardonecchia einsteigen und dann noch mal so weit wie möglich nach Nordosten fliegen. Dies ist uns leider nicht gelungen, kurz sah es so aus, als ob wir die Welle gehabt hätten, dann fielen wir aber bei Bardonecchia wieder raus und beschlossen umzudrehen und in St. Crépin sicher zu landen – nach 10:15 und knapp 900km.

Es war ein herrlicher Flug, kein Wetterbericht hatte die Situation vorhergesagt und kein anderer Pilot konnte das Wetter dieses Tages so nutzen wie Franz. Er meinte, es sei leicht gewesen, aber bei der starken Bewölkung und der starken Windgeschwindigkeit war’s gewiss nix Einfaches. Und für mich war’s einer der tollsten Flüge mit Franz!

Sehr schön war dann 2 Tage später die Ehrung für Franz und mich durch den Club St. Crépin. Phillip, der Chefpilot, hat uns vor dem Briefing mit einer launigen Ansprache den selbst gebastelten Pokal überreicht. Das hat uns so gefreut wie der Flug selbst – zeigte es uns doch die wunderbare Partnerschaft mit den Fliegern in St. Crépin.

St. Crépin pour S4, vent arriere pour la seize
Der Pokal, Phillip, woki und Franz

Siehe auch

http://www.onlinecontest.org/olc-2.0/segelflugszene/cmsnews.html?month=082011&news=275#275

Text und Fotos: Franz Gall und Wolfgang Kizler

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