Archiv für den Monat: Juli 2016

Mit dem Motorsegler nach Stockholm

Da Martin und ich dieses Jahr total heftige Terminprobleme hatten – das Hahnweide Oldtimertreffen und das Goodwood Revival finden zeitgleich statt! – wollten wir Skandinavien aus der Luft erkunden: auf der Wunschliste standen drei Flugzeugmuseen und in Stockholm die Wasa (das Kriegsschiff, das bei der Jungfernfahrt 1628 gesunken ist).

Am Donnerstag 16. Juni sind wir bei nicht günstigem Wetter gestartet – und waren nach 1 Stunde wieder auf der Hahnweide. Hinter Schwäbisch Hall waren einfach zu viel Wolken vor uns. Auf der HW hat uns dann Tobias Krüger von der Motorflugschule beraten und uns den Flugweg westlich um Stuttgart herum empfohlen – unterstützt durch ein Programm, das entlang dem eingegebenen Flugweg Webcams findet. So ging’s dann auch, hinter Heilbronn war die Sicht super, nur die Wolken gingen noch tief runter. Wir fliegen also so dahin, geplant war Landung in Rerik, auftanken in Dessau. Bei der Kontrolle der Tankanzeige sehen wir, dass wir mehr Sprit verbrauchen als normal. Vergaser verstellt? Tankdeckel fehlt? Alles nicht toll, deshalb landen wir schon in Eisenach und es geht viel weniger in den Tank, als die Anzeige vorgab. Also war nur die Anzeige defekt. Wir haben dann den Sprit nach Flugzeit kalkuliert. In Dessau habe ich die vorher per Mail geklärte PPR Anfrage in Rerik aktualisiert. Ob wir mit der Hälfte der Bahn zurecht kämen? In der Mitte steht gerade ein Pferd. Wir haben dann dankend abgelehnt. Wer weiß schon, was so einem Pferd alles einfällt, wenn das Gras woanders schöner ist.

Die Übernachtung hat der Dessauer Flugleiter organisiert und uns auch hingefahren. Die Zimmer waren ok, aber das Köstritzer war aus und das Fleisch nicht wie bestellt rare sondern durch. Naja, man kann nicht alles haben. Der Freitag war sehr regnerisch, also haben wir das Technikmuseum „Hugo Junkers“ besucht. Gasbadeöfen, Kalorimeter und die herrliche F13. Ein paar Zimmer der Junkersblechhäuser gibt’s auch. Im Freigelände stehen Teile des alten Junkers Windkanals. Dann ging’s weiter mit dem Touriprogramm: Bauhaus und Meisterhäuser. Das wieder neu gebaute Gropiushaus ist sehr kühl innen, es hat in Beton gegossenen Bücherregale. Die Häuser von Feininger und Klee sind innen wohnlicher als das Gropiushaus. Es lohnt sich.

Am Samstag wollten wir nach Stauning, um die Kramme&Zeuthen Flugzeuge anzusehen. Nach einem schönen Flug über Rostock an der Ostsee entlang sind wir in Flensburg gelandet. Stauning war in schlechtem Wetter, wir sind deshalb gleich nach Ærø geflogen. Das geht von Flensburg aus ohne Flugplan – es braucht nur ein Telefonat von Flugleiter zu Flugleiter. Ærø hat einen schönen Grasplatz, Fahrräder kann man ausleihen und die Empfehlung zum Übernachten gibt’s auch von der freundlichen Flugleiterin. Zum Essen sind wir den neuen Uferweg nach Ærøskøbing geradelt. Ein pittoreskes Dorf aus einem Guss. Viele Wohnungen haben Spiegelspione an den Fenstern – die Bewohner können über zwei 45° Spiegel die Straße rauf und runter gucken und sehen, wer da kommt.

Nach einer unruhigen Nacht in einer Privatunterkunft (der Sohn hat für Martin zu lange mit seinem Kumpel gebabbelt) starten wir mit Schwimmwesten über die Ostsee nach Roskilde und erstellen den Flugplan nach Ska Edeby bei Stockholm. Die Schweden wollen Koordinaten und keine Namen – mit Hilfe des freundlichen Flugplatzpersonals wurde der Plan schließlich angenommen. Der Flug ist spannend – die Landschaft ist wunderschön aufregend – Ostsee, Inseln, Seen, Wald, Wald und Wald. Es ist fast anstrengender über die endlosen Wälder zu fliegen als über Wasser. In Ska Edeby werden wir super betreut von Jarl Sundgren. Er kam mit seinem Enkel in einer Dnepr mit Seitenwagen angetuckert. Wir dürfen im Vereinsheim schlafen und kriegen eine Einweisung ins System des öffentlichen Nahverkehrs. Die Nacht war dann unruhig, weil wir neben den Kühltruhen geschlafen haben – und die sind alt und scheppern alle 10 Minuten los. Am nächsten Morgen – nur mit Kaffee versorgt- sind wir mit Bus und U-Bahn 1h bis nach zur Station Karlaplan Stockholm gefahren. Nach einer kurzen Stärkung sind wir ins Wasa Museum gegangen.

Die Wasa ist eine Orgie in Eiche. Riesengroß und über und über verziert. Am Heck sind lauter Gräßlichfiguren montiert – um die Gegner abzuschrecken. Der Trick kann aber eigentlich nur im Hafen funktionieren. Die Spione müssen erschrecken und das dann ihrem Auftraggeber melden. Auf See gab’s bei der Begegnung hauptsächlich volle Breitseite – und da sieht man vom gegnerischen Schiff die Figuren nicht. Die Schweden sehen den Untergang so: Zum Glück ist die Wasa untergegangen, sonst hätte man sie jetzt nicht zum anschauen. Damals wurde die bekannte Ursache vertuscht – als Grund wurden nicht richtig verzurrte Kanonen notiert. Das Schiff war zu rank, weil zu viel Kanonen an Bord waren und deshalb zu wenig Kielballast mitgeführt wurde. Die tatsächliche Ursache war, dass sich niemand getraut hatte dem Chef (König) zu sagen, dass das, was er will, nicht geht. Er wollte auf der Wasa mehr Kanonen haben als sein Gegner auf seinem Schiff.

Nach einem weiteren Schiffsmuseum für kleinere Schiffe sind wir mit unserer 24h Karte mit der Fähre nach Stockholm Slussen Kajen ins historische Stockholm gefahren. Die Stadt ist wunderschön – man spaziert man durch gemütliche Gassen mit Cafés, dort steht die Sankt Nikolai Kyrka – Krönungskirche der schwedischen Könige – und es gibt das Schloss mit stoischen Palastwachen. Am Kai der Ausflugsschiffe lag ein Dampfschiff. Es wurde von der Kapitänin für eine Konzertfahrt vorbereitet und rußte sehr stark. Für uns war dieser Ausflug zu spät – also sind wir mit dem gewöhnlichen Ausflugsboot um den früher königlichen Jagdpark gefahren worden – von einer Bootsführerin.

Auf dem Weg zum Abendessen habe ich eine Familie nach einem Restaurant mit guter schwedischer Küche gefragt. Der Sohn sagte, das gibt es nicht – und seine Eltern haben nicht widersprochen. Das Essen im Restaurant war Spitze – halt nicht spezifisch schwedisch. Vielleicht ist schwedisches Essen einfach nur Köttbular. Im Restaurant hatte wir kurz mit zwei Damen gesprochen, was wir so machen täten und dass wir am nächsten Tag ein Flugzeugmuseum besuchen würden. Sie haben gelacht und gesagt: Ja, was sonst!

Der Rückweg zum Flugplatz war speziell. Unsere 24h-Karte war abgelaufen – und bis zum nächsten Bus hätten wir dann 70min gewartet und zu allem Übel mit abgelaufener Fahrkarte. Fahrkarten kann man nicht beim Fahrer kaufen, sie gibt’s nur im Supermarkt und der war schon geschlossen. Also Autostopp. Wir wollten’s nicht glauben – aber das erste Auto hat angehalten und eine junge Frau hat ihr Strickzeug vom Beifahrersitz geräumt und uns direkt zum Flugplatz gefahren!

Das Flygvapenmuseum ist in Linköping – ein Militärplatz, dort werden die Saab-Flugzeuge gebaut. Gleich nach uns sind 2 Düsenjäger gelandet. Da war’s gut, dass wir schon weggeräumt waren. Das Museum hat Militärmaschinen von einem filigranen Amphibium LII Donnet Lévêque Bj. 1913 über Thummelisa, Bücker Bestmann, Ju86 bis zum modernsten Mehrzweckkampfflugzeug JAS 39 Gripen ist alles da. Schaudernd bin ich um das Wrack der DC3 gelaufen – sie wurde im kalten Krieg 1952 abgeschossen und ist so ausgestellt, wie sie unter Wasser gefunden wurde. Ihr Verschwinden hatte eine diplomatische Krise mit der damaligen Sowjetunion ausgelöst. Gefallen haben mir die vielen verschiedenen Skier unter den Flugzeugen.

Nächster Halt war Västervik. Der Platz ist PPR und es gibt niemand auf dem Turm. Alles wird per Telefon geklärt. Zum Glück war ein Pilot da. Er drehte eine Runde zur Entspannung nach der Arbeit, während wir den Mose gewaschen und für die Nacht festgebunden haben. Mikael fuhr mit uns in die Stadt und brachte uns zum Hotel – einem ein bisschen umgebauten Gefängnis. Jetzt kam ich auch endlich zu meiner Fischsuppe – wobei die von Andrea und Fred in St. Crépin zubereitete Fischsuppe besser war (das ist eine weitere Geschichte).

Der Mittwoch führte uns an der traumhaften Küste Schwedens entlang nach Borglanda auf Öland. Die Inseln liegen wie vom Riesen hingestreute Kiesel im Wasser, zahllose zerklüftete Buchten gibt es – und wenig Häuser. Landung wieder ohne Flugleitung mit Briefkasten für die Gebühren und Fahrrädern zum Ausleihen. Es war keine Fahrradpumpe vor Ort, aber wenig Luft im Schlauch. Im nächsten Dorf habe ich nach Luft gefragt und die Pumpe gleich geschenkt bekommen. Vor dem schwedischen Sommerschloss Solliden gibt es Kaffee und Kuchen. Wir waren zum Ausruhen unterwegs. Abends sind wir zufällig zum Mittwochstreff der Oldtimer gekommen: Buckelvolvo neben Käfer, eine Isabella aus Hamburg, Rover 3500 und amerikanische Straßenkreuzer mit 7L-Motoren. Die blubberten dann in Schleichfahrt um den Marktplatz, um sich zu zeigen. Beim Essen hat uns Thomas Gesellschaft geleistet. Er spricht sehr gut Deutsch – er hatte einen deutschen Vater und eine amerikanische Mutter. Thomas ist dann auch noch mit uns in den Supermarkt gegangen. Wir brauchten was zum Beißen für den nächsten Morgen, weil wir unter den Flügeln schlafen wollten. O-Ton Thomas: Wenn Du über die Straße gehst und dem Auto kein Zeichen zum Anhalten gibst kostet das 200 Kronen! Er hat sich sehr gut um uns gekümmert. Irgendwie sind die Borglander nicht nur freundlich sondern auch streng – z.B. kommt Radfahren in der Fußgängerzone schlecht an. So was!

Nach der Nacht im Freien war das Ziel Heringsdorf – warum wohl? Hangar 10, Flugzeugmuseum. Aber zuerst ein Hüpfer nach Kalmar, um den Flugplan zu machen. Wir sind immer an der Küste entlang geflogen, begleitet von freundlichen Controllern. In Roskilde haben wir die Schwimmwesten angelegt und es folgte unsere längste Strecke über das offene Meer. Der englische Kanal bedeutet 32km Wasser, jetzt waren’s von Falster über die Kadetfinne nach Zingst 35km. Die deutsche Ostseeküste ist sehenswert – langgezogene Sandbänke, schmale Halbinseln und Kreidefelsen. In Heringsdorf war alles einfach. Der Taxifahrer hat für uns das Hotel reserviert und wir sind sofort zum Strand – inkl. Füße im Wasser haben. Anschließend Fischsuppe und Plattfisch im Restaurant Meereswellen und Lübzer Pils dazu – richtig lecker. Dazu haben wir uns prächtig mit einem Ehepaar aus Dresden unterhalten.

Im Museum Hangar 10 sind die Flugzeug tipptopp und flugbereit, ein überholter Merlin stand zum Einbau bereit, aus 2 Argus wird einer zum Laufen gebracht. Die Me108 machte einen kurzen Flug – der Sound des Argus As10 ist Musik! Für die Interessierten: Den Sound gibt’s durch niedrige Verdichtung, viele Zylinder und kurze Flammrohre anstelle eines Auspuffs.

Vom freundlichen Mechaniker habe ich warmes Waschwasser für die TB gekriegt – so gut sind die Mücken noch nie weggegangen. Nach dem Museum sind wir nach Chemnitz geflogen – ein nagelneuer Flugplatz mit allem Komfort. Für die Anzahl der Flugbewegungen dort ist er leicht überdimensioniert – aber sehr zu empfehlen. Die Gewitterwolke haben wir auf 3 Uhr Position gelassen und sind glücklich zur Hahnweide zurückgeflogen.

Insgesamt waren wir 24h in der Luft über herrlicher Landschaft gewesen. Wir durften an allen Orten freundliche Leute kennenlernen. Nicht besucht geblieben sind Stauning und Großenhain. Und dann gibt’s da noch Norwegen. Wenn jemand noch nach Norden will – unsere Karten gelten bis nächstes Frühjahr.